Biketour durch Bolivien2026-04-13T14:19:17+02:00

Bikereise durch Boliviens beeindruckende Landschaften

Ein ausführlicher Reisebericht von Peter Widmer. Mit seinen Freunden zusammen buchte er bei uns eine Individualreise, begleitet vom lokalen Guide Hector. Peter schildert seine Erlebnisse in der atemberaubenden Natur, erzählt von freundlichen und aufgeschlossenen Menschen und den mit Bravour gemeisterten Herausforderungen unterwegs.

Der magische Titicacasee

Endlich ist es so weit: Die grösste und vermutlich spannendste Reise des Jahres seht vor der Tür! Nach einigen Jahren Pause geht es wieder einmal nach Südamerika. Über Monate, um nicht zu sagen Jahre, hat Urs nach Routen und Veranstaltern gesucht und ist – wie es aussieht – endlich fündig geworden.

E-Bike – eine neue Erfahrung

Einiges wird neu sein. Etwas, was ich mir bis vor kurzem nicht vorstellen konnte ist, dass wir alle erstmals mit E-Bikes fahren werden. Nach den Erfahrungen im letzten Jahr in Spiti, Indien, wo wir in Höhen von bis zu 5’000 m unterwegs waren, sagten wir, dass wir uns das Atmen wegen des für uns ungewohnt geringen Sauerstoffs auf ähnlichen Höhen in Bolivien etwas einfacher machen wollen. Ich bin gespannt, wie das werden wird. Selbstverständlich vertraue ich dabei auch auf das Organisationstalent von Urs, vor allem betreffend der Destinationen.

Reisevorbereitungen

In einem Punkt war die Vorbereitung auf die Reise für mich diesmal derart stressig, dass ich noch kurz vorher meine Teilnahme absagen wollte: Weil es keinen Direktflug aus der Schweiz nach Bolivien gibt, war ein Zwischenstopp in Sao Paulo, Brasilien geplant. Wie sich dann herausstellte, ist dort das Durchchecken des Gepäcks für den Weiterflug aber nicht möglich, was bedeutet, dass wir in Brasilien einreisen müssen, um die Koffer in Empfang zu nehmen, um sie für den Weiterflug mit der bolivianischen Fluggesellschaft erneut einzuchecken. Für mich bedeutet dies, dass ich mit meinem australischen Pass ein Einreisevisum für Brasilien brauche. Ohne dieses würden sie mich nicht einmal in Zürich ins Flugzeug einsteigen lassen.

Visum für Brasilien

So gab es zwei Möglichkeiten: Ich besorge mir in einer Woche ein Visum oder einen Schweizer Pass, weil Schweizer kein Visum für Brasilien benötigen, doch beides soll mindestens 10 Tage dauern. Entsprechend versuche ich beides. Für den Reisepass muss ich in die Kantonshauptstadt nach Herisau, wo man sich rührend bemüht, mir zu helfen, aber eben nicht garantieren kann, dass dieser in den verbleibenden vier Tagen in Bern auch ausgestellt wird. Beim Visum scheint es noch komplizierter. Dieses muss elektronisch beantragt werden, ohne eine Möglichkeit in irgendeiner Form auf jemanden einwirken zu können.

Wunder gibt es immer wieder

Entsprechend sinkt meine Begeisterung. Aber ausgerechnet dann, als die Vorfreude auf diese Reise auf dem Tiefpunkt ist, geschieht ein Wunder: Das Mail mit dem E-Visum erhalte ich bereits nach drei Tagen und damit vier Tage vor dem Abflug! Am Tag danach bringt der Postbote auch noch meinen neuen Schweizer Reisepass.

Freudensprünge

Ich könnte Freudensprünge machen und ab jetzt steigt die Begeisterung natürlich wieder. So treffen wir drei, Urs, Alex und ich uns am Freitagabend am Flughafen. Noch ist manches kompliziert, der Flug nach Sao Paulo ist überbucht und Alex hat keinen Sitz. Wir werden zwar beruhigt, dass dies schon irgendwie klappen wird, ob und allenfalls wo er sitzen wird, wird sich aber erst am Gate beim Einchecken entscheiden.

Entsprechend sind wir ziemlich angespannt. Einzig Urs schwafelt wie immer. Er zählt auf, welche Sachen es in Bolivien zu sehen und zu erleben gibt und worauf er sich speziell freut. Er verteilt uns eine Zusammenstellung seiner Notizen, die wir dann auf dem langen Flug noch genauer studieren könnten, obwohl uns dies im Moment noch nicht wirklich interessiert.

Highlights in Bolivien

Später im Flieger erkenne ich aber, weshalb er so begeistert ist. Hier einige Ausschnitte aus seinen Notizen:

Bolivien, die Wiege uralter Kulturen, ist das Herz von Südamerika. Kaum ein Land Lateinamerikas zeigt sich so ursprünglich, kulturell wie auch landschaftlich. Wir begegnen der zurückhaltenden, stolzen, überwiegend indigenen Bevölkerung bei ihrer Arbeit in den Goldminenstädtchen, im Salar de Uyuni beim Salzabbau und in den Feldern beim Quinoa-, Mais- und Kartoffelanbau. Noch heute gehören die «Cholitas» mit ihren vielen farbenfrohen Röcken und den typischen Melonenhüten zum traditionellen Dorfbild. Während unserer abenteuerlichen Reise biken wir der kargen Cordillera Real entlang, auf dem weiten Altiplano auf über 4000 m und rasen die Todesstrasse hinunter ins tropische Tiefland. Die einzigartige Tierwelt, die grandiosen Landschaften mit Vulkankegeln, Salzseen, malerischen Lagunen, dem tieflauen Titicacasee werden uns zum Staunen bringen.

Schliesslich löst sich auch das Sitzplatzproblem von Alex. Urs erhält ein Upgrade in die First- und ich in die Businessklasse und Alex kriegt seinen Sitz in der Economy. Auf dem Flug steigt dann auch bei Alex und mir die Begeisterung, und wir alle sinnieren auf dem langen Nachtflug nach Sao Paulo dem nach, was uns ab morgen Samstag in Südamerika erwarten wird.

Einreise nach Brasilien

Nochmals wird es dann in Sao Paulo kompliziert. Die Einreise mit meinem neuen Schweizer Reisepass funktioniert zwar problemlos und auch unser Gepäck ist angekommen. Wir müssen dieses aber nach der Einreise nach Brasilien erneut einchecken und das dauert. Wir haben neun Stunden Aufenthalt, aber das Einchecken ist erst drei Stunden vor Abflug möglich. Trotz der spürbaren Winterkälte in Brasilien schaffen wir auch dies noch mit viel Geduld, irgendwie.

Salar de Uyuni - eines der Highlights von Bolivien
Salar de Uyuni - eines der Highlights von Bolivien

1. Tag: Anreise nach Santa Cruz de la Sierra via Sao Paulo

Nach einem zweieinhalb Stunden dauernden Flug kommen wir am Samstagabend dann ziemlich müde nach Santa Cruz de la Sierra, wo alle grossen Flugzeuge ankommen. Für die Flüge in die anderen Städte muss wegen deren Höhenlage auf kleinere Flugzeuge umgestiegen werden. Morgen steht für uns deswegen nochmals ein kurzer Flug nach Sucre (2800 m.ü.M.) bevor.

Willkommen Santa Cruz de la Sierra

Möglichst noch vor dem Eindunkeln wollen wir uns darum Santa Cruz ansehen und erste Eindrücke von Bolivien einsammeln. Diese sind dann äusserst positiv.

Wir erleben eine pulsierende, friedliche Stadt mit sehr vielen jungen Menschen, die das Wochenende geniessen. Überall in der bunten Innenstadt sitzen Menschen und feiern und wir dürfen Teil davon sein. In einem typischen Restaurant geniessen wir unsere erste bolivianische Mahlzeit mit einer Flasche einheimischem Wein. Insbesondere letztere überzeugt uns und trägt zur guten Stimmung bei. Im Übrigen ist Santa Cruz mit rund 2 Mio.Einwohnern wirtschaftliches Zentrum und die grösste Stadt Boliviens.

2. Tag: Santa Cruz – Sucre; erste Eindrücke Bolivien 

So richtig los geht es eigentlich erst heute. Bisher waren wir mit Reisen beschäftigt und auf uns selbst gestellt. Nach dem kurzen Flug von Santa Cruz hinauf nach Sucre ändert sich das aber. Am Flughafen werden wir von Hector erwartet, unserem kompetenten einheimischen Begleiter, der auf der ganzen Reise zu uns schauen wird und – da bin ich mir sicher – auf alle unsere Fragen eine Antwort und für allfällige Probleme Lösungen haben wird. Bei ihm sind als weitere Begleiter zwei Fahrer mit je einem Auto.

Wirtschaftliche Situation in Bolivien

Der Grund für die zwei Autos ist, dass die wirtschaftliche Situation derzeit in Bolivien so schlecht ist, dass es nicht genügend Treibstoff gibt. Das Land hat zwar eigenes Erdöl, aber keine Raffinerien. Die im Ausland raffinierten Produkte können wegen fehlender Devisen nicht mehr in der notwendigen Menge zurückgekauft werden. Als Folge davon sind viele Tankstellen geschlossen und es ist manchmal tagelang unmöglich, an Treibstoff zu kommen, was für eine Tour wie wir sie geplant haben, natürlich problematisch ist. Dort wo es noch offene Tankstellen gibt, sieht man oft kilometerlange Warteschlangen. Eines der Fahrzeuge wird darum hauptsächlich für den Transport von Reservekanistern mit Diesel benötigt, aber auch für unsere Fahrräder. Im anderen Auto hat es auf den Überführungsetappen Platz für uns, zusammen mit Hector.

Erster Sightseeing Stopp in Sucre

Auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel machen wir in Sucre bereits einen ersten Sightseeing-Stopp an der Plaza Anzures, dem ursprünglichen Stadtzentrum, der von Kirchen und Klöstern umgeben ist und von wo es eine schöne Aussicht auf die Stadt gibt.

Nach dem Hotelbezug begeben wir uns zu Fuss auf einen längeren Stadtrundgang. Überall herrscht Feststimmung. Die Stadt ist beflaggt und es ertönt Musik. Die Menschen sind sichtlich entspannt und freudig unterwegs. Auch sind viele Gebäude und Plätze geschmückt. Grund dafür ist, dass Bolivien in diesen Tagen das 200-jährige Jubiläum seiner Unabhängigkeit von Spanien feiert. Heute ist der letzte Tag der 5-tägigen Festivitäten, die in Sucre noch etwas ausgiebiger gefeiert werden, weil es die älteste Stadt Boliviens ist, wo damals zudem auch der Unabhängigkeitsvertrag unterzeichnet wurde.

Sucre- die weisse Stadt

Überhaupt ist Sucre, oder «die weisse Stadt», wie sie auch genannt wird, ein Juwel. Die 1538 gegründete Stadt wird allseits als die schönste Stadt Boliviens bezeichnet, wozu die wunderschönen Kolonialbauten und Kirchen, sowie die gepflegten Plazas und Pärke ihren Teil dazu beitragen. Kein Wunder wurde das historische Zentrum der Stadt bereits 1992 ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.

Sucre ist auch konstitutionelle Hauptstadt Boliviens, doch bis auf den obersten Gerichtshof befinden sich alle staatlichen Institutionen im Regierungssitz in La Paz. Wir geniessen den Rundgang mit Hector, der uns immer wieder spannende Geschichten und viel Wissenswertes zur Geschichte seiner Heimat erzählt, dabei wird schnell klar, dass es nicht nur beim Treibstoff Probleme gibt, sondern auch solche, welche auf jahrzehntelange unfähige, meist linke und korrupte Regierungen zurückzuführen sind. Wir hören über den Kokainanbau und Arbeitslosenzahlen von 70%, doch merken wir von alledem nichts.

Wir verbringen ganz einfach einen spannenden und friedlichen Nachmittag in Sucre und geniessen das perfekte Wetter bei rund 23°C, das zwischendurch zu einem Bier oder noch besser zu einer frischgepressten Zitronenlimonade einlädt.

Erstklassiges Restaurant

Das alles ist so schön, dass wir auf die eigentlich für heute Nachmittag geplante Einrolltour zu einem Kratersee verzichten. Mit ein Grund ist allerdings auch, dass der Flug am Morgen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wurde, als ursprünglich geplant und dass es schwierig geworden wäre, Sightseeing und Einrolletappe unter einen Hut zu bringen. Ebenfalls ist zu berücksichtigen, dass es hier um diese Jahreszeit – es ist Winter auf der südlichen Erdhalbkugel – bereits um 18 Uhr dunkel und empfindlich kalt wird.

Typisches bolivianisches Abendessen

Warm angezogen machen wir uns auf die Suche nach einem guten Restaurant. Wir sind hin und hergerissen, ob wir heute typisch bolivianisch essen wollen, oder ob wir besser versuchen sollten, etwas eher Europäisches zu finden, wo man beim Bestellen wenigstens eine Idee hat, um was es sich handelt und wie es schmecken könnte. So entscheiden wir uns schliesslich für ein uns empfohlenes französisches Restaurant, das im gleichen Haus untergebracht ist wie die «Alliance Française». Ausschlaggebend ist das Argument, dass es in den nächsten Tagen noch viele Gelegenheiten geben wird, bolivianisch zu essen.

Begeisternde Stimmung

Der Entscheid hätte nicht besser sein können, denn das Château Brillant ist schliesslich absolut perfekt und kostet uns zusammen mit zwei Flaschen Rotwein, einem Liter Mineralwasser, einer Vorspeise sowie einer Crème brûlée als Nachspeise und dem obligaten Kaffee zum Abschluss, ganze 60 Franken. Nicht nur wegen dem Preis, sondern der einmal mehr begeisternden Stimmung und den spannenden Diskussionen wird es ein begeisternder Abend.

Die weisse Stadt Sucre

3. Tag: Sucre – Potosi

Heute ist – endlich – der erste Fahrradtag. Es wird ein langer Tag werden, weil zuerst ein Transfer auf uns wartet und natürlich auch wegen der vielen Höhenmeter, die irgendwie bewältigt werden wollen. Anfänglich fahren wir mit den Begleitfahrzeugen aus Sucre hinaus und nehmen dann zuerst einmal unsere Miet-E-Bikes in Empfang. Wir passen sie unseren individuellen Bedürfnissen an und montieren unsere mitgebrachten, eigenen Click-Pedalen.

Mit den Bikes unterwegs

Dann ist es so weit, wir machen uns mit den Bikes auf den Weg zur Silberstadt Potosi. Anfänglich geht es auf und ab, hoch bis auf 3’100 m.ü.M. und dann hinunter auf nur noch 2’300 m.ü.M. So kommen wir in den Genuss eines langen Downhills zum Rio Pulacayo mit seiner imposanten Brücke, welche im 18. Jh. von einem Schweizer gebaut worden sein soll, was uns fast etwas stolz macht. Schon aus diesem Grund ein fast persönlicher Ort für unseren Lunch.

Am Morgen ist es empfindlich kalt, Winter eben. Später wird es dann langsam wärmer und perfektes Fahrradwetter. Entsprechend starten wir mit Arm und Beinlingen und auch sonst warm angezogen in den Tag. Mit der Zeit ziehen wir immer mehr aus, bis wir freudig im kurzem Sommerdress unterwegs sind. Gut auch, dass die Begleitfahrzeuge nie weit entfernt sind, was uns ermöglicht, nicht mehr benötigte Sachen dort mitzugeben, aber auch – sofern notwendig – Sachen aus unseren Koffern zu holen. Wir werden betreut fast wie die Profis an der Tour de France.

Besichtigung Silberminen

Von hier unten geht es dann im Auto auch wieder hoch auf 4’100 m.ü.M. nach Potosi, wo wir eine der Silberminen besichtigen. Weil es in der Mine nass und kalt ist, werden wir speziell in Gummikleider eingekleidet und wir erhalten Stiefel sowie Schutzhelm. Auf dieser Höhe ist diese Spezialkleidung eine ziemliche Herausforderung, weil sie uns beim gewöhnlichen Gehen zusätzlich das Atmen schwer macht.

Dank dem Abbau von Silber war Potosi im 17. Jahrhundert eine der reichsten Städte der Welt. «Vale un Potosi – das kostet ein Potosi» ist denn bis heute noch eine stehende Redewendung in Spanien, wenn man sagen möchte, dass etwas ein Vermögen kostet. Die Zeiten, in denen Potosi eine mächtige Wirtschaftsmetropole und die Schatzkammer Lateinamerikas war, sind längst vorbei. Doch die Förderung von Silber, wie auch Zinn ist bis heute ein wichtiger Wirtschaftszweig geblieben. Nicht umsonst heisst der Berg neben der Stadt «Cerro Rico», reicher Berg. Dennoch ist es schwer, hier überhaupt noch ein vernünftiges Auskommen zu verdienen, weshalb viele der rund 260’000 Einwohner in der mit La Paz höchstgelegenen Grossstadt Boliviens, in ärmlichen Verhältnissen leben.

Minenarbeit- harte Arbeit

Wie hart die Arbeit der Minenarbeiter hier ist, haben wir auf unserer Minen-Besichtigung erfahren: Das meiste ist auch heute noch Handarbeit, selbst die Wagen mit dem Erz werden von Männern gestossen, die Minengänge sind niedrig, nass und kalt und die Arbeiter brauchen Stunden, um an ihre Ausbruchstellen zugelangen. Viele arbeiten darum in Schichten, die eine ganze Woche unter Tag bleiben. Für uns tönt das fast wie Sklaverei, weil die Arbeiter gar keine andere Möglichkeit zum Überleben haben. Wenn sie nach ihrer Schicht rauskommen, erhalten sie gratis Bier, womit auch schon gesagt ist, dass die meisten, die hier arbeiten auch ein Alkoholproblem haben.

Übernachtung im ältesten Landgut der Region

Einzig das Stadtzentrum widerspiegelt noch heute die einstige Grösse und den Reichtum dieser Stadt. Wir übernachten in der kolonialen Hacienda Cayara, dem ältesten Landgut der Region, erbaut im 16. Jahrhundert. Die tiefere Lage auf «nur» noch 3’500 m.ü.M., in einem fruchtbaren und grünen Tal in der Nähe von Potosi, soll im Kristallisationsprozess helfen. Wir werden sehen…

Einblick in die Geschichte

Dank einer kurzen Führung durch das angegliederte Museum und Kolonialhaus erhalten wir etwas Einblick in die spannende Geschichte der Silberfunde Potosis und die Entstehung Boliviens.

Einiges ist uns heute klar geworden: Auch wenn wir keine riesigen Strecken auf den E-Bikes zurücklegen, werden wir strenge Tage vor uns haben, trotz E-Bikes, aber wegen der Höhenlage und vor allem der Kälte.

Tagesleistung: 35 km und 600 Hm. Jeep 3 h

Bergbau in Potosi

4. Tag: Potosi – Uyuni

Es war keine gute Nacht für mich. Die Höhenlage scheint mir doch mehr Mühe zu bereiten als erwartet, vielleicht weil wir doch ziemlich schnell und ohne längere Akklimatisation in unser Abenteuer eingestiegen sind. Jedenfalls gab es trotz Müdigkeit nie einen wirklichen Tiefschlaf und mit der Zeit habe ich sogar Kopfweh. Gut aber, dass mir ein Freund und Arzt gerade dafür ein Medikament mit auf die Reise mitgegeben hat. Schliesslich überstehe ich diese Nacht und spätestens nach dem Frühstück scheint diese Episode wieder vergessen.

Strecke auf dem Altiplano

Allerdings steht heute nochmals eine anspruchsvolle Etappe auf dem Programm. Es wird von einem vierstündigen Jeep-Transfer gesprochen und nochmals von fast so langem Biken in hügeligem und oft steilem Gelände. Die Strecke auf dem Altiplano – oft über 4’000 m.ü.M. und nur manchmal etwas darunter – ist insbesondere für mich eine Herausforderung.

Irgendwie merke ich schon nach dem Frühstück, dass etwas mit meinem Magen nicht stimmt, und bei den ersten rasanten und holprigen Abfahrten beginnt mein Kopf erneut zu schmerzen. Ich frage mich, ob meine nächtlichen Kopfschmerzen gar nichts mit der Höhenlage zu tun hatten, sondern andere Gründe hatten. Hinzu kommen noch Atemprobleme, gegen die auch mein E-Bike keine wirkliche Hilfe sein kann.

Begleitfahrzeug immer dabei

So entscheide ich mich auf etwa der halben Bike-Strecke in das Begleitfahrzeug einzusteigen, was mir natürlich äusserst schwerfällt, wohl aus verletztem Stolz, weil ich sowas auf meinen vielen Touren noch gar nie gemacht habe. Im Auto kann ich dann sogar eine Weile schlafen, was darauf deutet, dass doch eher ein gesundheitliches Problem vorliegt als nur eine Schwäche wegen ungenügender Vorbereitung.

Trotz meines nicht idealen Zustands kann ich auch vom Auto aus, die Gegend zwischen Potosi und Uyuni geniessen, zugegebenermassen etwas weniger als meine Kollegen. In diesem Hochland gibt es kaum Verkehr, schon gar nicht auf den Pisten, wo wir fast allein unterwegs sind. Es ist eindrücklich still und wir staunen immer wieder, wie sich auf dieser Höhe überhaupt leben lässt.

Lamas- nicht nur schön anzuschauen

Sicher pflanzen die Menschen hier auch noch das Eine oder Andere an (vor allem verschiedenste Sorten von Kartoffeln), doch um diese Jahreszeit wächst hier nicht das geringste. Es ist nicht nur eisig kalt, es gibt auch keinen Niederschlag, mindestens jetzt im Winter wo Trockenzeit herrscht. Die Gegend ist braun und staubig, genauso wie man sich eine Wüste vorstellt. Aufgrund der vielen Lama Herden ist es wohl so, dass diese für die Menschen hier die hauptsächliche Einnahmequelle sind.

Grösster Salzsee der Erde

Mich begeistern hier oben die eleganten Vikunjas, die sich entlang unserer Piste frei bewegen. Genauso eindrücklich ist die Landschaft mit den bezaubernden Gesteinsformationen.

Immer wieder staune ich, wie es Süsswasserseen gibt, die bei diesen Temperaturen nicht ganz zugefroren sind oder auch riesige Eiszapfen entlang der Strasse, von denen wir uns kaum vorstellen können, weshalb sie nicht längst abgetaut sind. An der Sonne ist es während dem Tag warm, doch zeigen diese Eisgebilde wie kalt es während der Nacht hier werden kann.

Vorfreude auf den Salar de Uyuni

Einen Vorgeschmack davon, was wir in den nächsten Tagen auch noch zu sehen bekommen werden und über das Urs schon lange wie von einem Weltwunder erzählt, sehen wir dann kurz vor Uyuni von einem Aussichtspunkt: den «Salar de Uyuni», den grössten Salzsee der Erde, der alljährlich von abertausenden Touristen besucht wird. Die riesige schneeweisse Fläche beeindruckt auch uns und steigert die Vorfreude auf den Besuch am kommenden Wochenende vor Ort.

Übernachtet wird in Uyuni auf unter 4’000 m.ü,M., was mich für die kommende Nacht zuversichtlich stimmt.

Tagesleistung: 37 km, 530 Hm, Jeep 4h

Uyuni Salzsee

5. Tag: Uyuni / Eisenbahnfriedhof – Villa Mar

Nach dem Aufwachen erkundige ich mich erst einmal nach der Temperatur, und ich muss feststellen, dass es bis gegen Mittag Minusgrade sein werden. Sowas ermutigt nicht wirklich zum Aufstehen. Immerhin soll es am Mittag bis gegen 10°C warm werden und am Nachmittag sogar noch etwas wärmer. Positiv ist, dass wir am Morgen jeweils die Transfers machen und damit in den geheizten Autos sitzen können, so auch heute. Sobald die Sonne scheint, wird auch das Fahrradfahren erträglicher.

Eisenbahnfriedhof

Allerdings müssen wir heute das warme Auto frühzeitig bei Minustemperaturen verlassen, weil wir kurz nach Uyuni einen Eisenbahnfriedhof besuchen, der in den 1950er Jahren angelegt wurde, als die Dampfzüge für die Silber-Transporte durch Dieselloks ersetzt wurden. Schier unglaublich wie viele rostige Dampfkolosse aus vergangenen Zeiten dort herumstehen. Bizarr liegen sie in der verlassenen Steppe und bieten wunderbare Fotoshots. Ich schwelge in Vorstellungen, wie es damals ausgesehen haben muss, als diese Lokomotiven sich pustend durch unbewohnte Gegenden tausende von Höhenmetern den Weg hinauf ins Altiplano gekämpft haben.

Stopp unterwegs an einem Wochenmarkt

Weiter geht es in unseren Jeeps an den Startpunkt der heutigen Bikeetappe mitten in der Steppe auf einer Bergkuppe. Viele Dörfer gibt es bis dorthin nicht. Die Gegend scheint weitgehend menschenleer.

Einen einzigen spannenden Halt machen wir in San Cristobal, wo heute gerade der Wochenmarkt stattfindet. Bald nach dem Zwischenhalt in San Cristobal wird es abenteuerlich. Wir verlassen die staubige Hauptstrasse und biken auf einem abgeschiedenen Trail rot leuchtenden Felsformationen entlang. Inmitten faszinierender Felsformationen schalten wir unseren Mittagshalt ein und geniessen unseren Lunch, den wir mit Vizcachas, einer Chinchillaart mit Kaninchenohren, teilen, die je länger wir sie füttern, desto zutraulicher werden.

Spannende Biketour

Das Hochtal könnte sich auf einem fernen Planeten befinden. Einfach spannend, wo wir überall durchbiken. Es ist ziemlich streng, weil die ganze Strecke sandig ist und dort, wo dies nicht der Fall ist, rüttelt es und sorgt für Kopfschmerzen.

Lagune mit Flamingos

An einer Lagune sehen wir viele Flamingos. Trotz E-Bike und nicht überwältigend aussehender Distanz sind wir müde und zufrieden, als wir das originelle, an einen Felsen gebaute Hotel in Villa Mar erreichen. Am warmen Ofenfeuer geniessen wir einen «mate de coca» Tee und das gemütliche Beisammensein.

Tagesleistung: 44 km, 400 Hm; Jeep 4 h

Villamar

6. Tag: Laguna Colorada 

Für einmal steht nicht eine Stadt im Mittelpunkt, sondern die magische Laguna Colorada mit ihren Flamingos. Dafür biken wir auf Schotterpisten in abgeschiedenen Hochtälern zwischen imposanten Vulkankegeln und an wunderschön farbigen Lagunen vorbei. In dieser spektakulären Landschaft sehen wir immer wieder scheue Vicuñas, Flamingos und weitere seltene Tierarten. Speziell verzaubern uns aber auch die wunderbaren Lichtstimmungen und die einzigartigen Naturlandschaften.

Menschenleere Ruhe

Meist biken wir auf der Hochebene über 4’500 m.ü.M. und erreichen mit 4’980 m.ü.M. heute auch den höchsten Punkt unserer Reise. Entsprechend ist es wieder kalt, besonders am Morgen. Enten suchen hier im gefrorenen Wasser nach Nahrung.

Felsformationen

Zwischendurch gibt es auch immer wieder spannende Felsformationen zu bewundern, wie den «Arbol de Piedra» (steiniger Baum), die durch Windeinwirkung über Jahrmillionen entstanden sind.

Es ist einfach spannend und wunderschön hier, weil es für uns Europäer so viele neue und unglaubliche Sachen zu sehen und entdecken gibt. Heute ist es wieder ein Salzsee, wo Borax abgebaut wird, ein Mineral, das zur Herstellung von Glasfasern, in Reinigungsmitteln, als Antiseptikum, als Flussmittel in der Metallurgie und als Lösungsmittel für Metalloxide verwendet wird.

Pisten verlangen Konzentration

Anscheinend ist Urs von all diesen Eindrücken so fasziniert, dass ihm die Konzentration auf die herausfordernden Pistenverhältnisse fehlt. Mindestens lässt sich sein Sturz auf der Anfahrt zum Salzsee so interpretieren. Immerhin ist Hector mit Desinfektionsmittel und Pflaster schnell zur Stelle und das Ganze ist nur halb so schlimm.

Rote Wasserfarbe

Bereits von weitem beeindruckt uns die in der sonst braunen Landschaft rötlich schimmernde Laguna Colorada (4278 m.ü.M.). Die rote Farbe des Wassers soll auf kupferhaltige Mineralien und ein Plankton zurückzuführen sein. Zusammen mit dem wolkenlosen, blauen Himmel ergibt dies Farbmosaike, wie ich sie noch nie erlebt habe. Kein Wunder wird die Laguna Colorada als ganz besonderes Bolivien-Highlight bezeichnet! An den Ufern der 60 km² grossen Lagune stelzen rosafarbene Andenflamingos auf der Suche nach Plankton durch das Wasser.

Übernachtet wird im Wüstenhotel «Desierto de Siloli», wo uns gegen die Kälte sogar eine Bettflasche offeriert wird. Ab heute fragen wir an jedem anderen Übernachtungsort nach einer solchen, und wir erhalten sie überall mit der grössten Selbstverständlichkeit.

Tagesleistung: 60 km, 650 Hm; Jeep 2 h

Laguna Colorada

7. Tag: Zum Vulkan Ollagüe und weiter nach San Juan 

Vermutlich haben mittlerweile alle Leser mein dauerndes Gejammer über die Kälte satt. Es ist aber nicht so, dass ich der einzige bin, der darunter leidet, Alex und Urs geht es nicht besser, nur schreiben sie nicht darüber. Ein Resultat des dauernden Frierens ist, dass ich seit Tagen erkältet bin, was besonders das Atmen auf diesen Höhen zusätzlich nochmals schwieriger macht. Seit heute fühlt sich auch Alex schlecht. Richtig krank ist er zwar nicht, aber so richtig fit eben auch nicht. Wir beide bekämpfen diese Situation beim Frühstück gleich mit je zwei Parazetamol. Das wird helfen.

Temperaturschock

Der Temperaturschock kommt schon beim Öffnen der Zimmervorhänge. Die Fensterscheiben sind vereist und draussen ist es -15°C. Später können wir unsere Mineralwasser, die wir in den Autos gelassen hatten, nicht trinken, weil das Wasser gefroren ist.

Beim Start unserer heutigen Bike-Etappe auf etwa 4’500 m.üM. ist es nicht mehr ganz so kalt aber sicher weiter unter null Grad. Meine Finger frieren fast ab und selbst unser sonst so starker Urs beginnt zu jammern, auch wenn er mit positiven Bemerkungen uns beiden anderen Mut machen will. Dabei sind seine Argumente aber derart neben den Schuhen, dass selbst er darüber lachen muss.

Entlang der Grenze zu Chile

Die heutige Bikestrecke ist – wie fast immer während der letzten Tage – holprig und sandig. Die Gegend aber einmalig. Wir fahren entlang der Grenze zu Chile, die oft nur wenige Kilometer entfernt ist. Hier gibt es wieder viele Lagunen, zum Teil mit verheissungsvollen Namen wie Ramadita, Honda, Chiarkote, Hedionda und Cañapa. Zehntausende Flamingos sind unsere steten Begleiter. Es ist eine einsame und ruhige Gegend, für den Tourismus noch überhaupt nicht erschlossen. Einfach traumhaft.

Flamingo-Lagunen

In den «Flamingo-Lagunen» gibt es immer weisse Stellen, die aussehen, wie wenn dies der Anfang einer Versalzung wäre, ist es aber nicht, sondern es handelt sich dabei um das wertvolle Mineral Botox. Ganze Gegenden erscheinen ebenfalls weiss, wie der Schnee auf den nahen Bergen. Übrigens, auf diesen Höhenlagen gibt es hier erstaunlicherweise mitten im bolivianischen Winter kaum Schnee, dies weil zu dieser Jahreszeit Trockenheit herrscht. Der Schnee, den man hier sieht, stammt grösstenteils aus dem «nassen» Sommer und bleibt auf dieser Höhenlage fast das ganze Jahr über liegen.

Spannend ist auch der weiterhin aktive Vulkan Ollagüe und sein Lavafeld, wo wir auf 4’200 m.ü.M. unseren Mittagshalt einschalten. Dabei gibt es gegrillte Lama-Wurst. Unser immer positiver Urs verwendet zu deren Beschrieb sein Lieblingswort «sensationell». Ich versuche sie trotzdem nicht. Immerhin kann ich bestätigen, dass Alex auch ganz positiv darüber gesprochen hat. Mir ist nur schon das ganze Ambiente zu kalt und so ziehe ich es vor, im Auto die Sonnenstrahlen hinter der Scheibe zu geniessen.

Wüstenhotel in San Juan

Die letzten rund zwei Stunden legen wir mit dem Fahrzeug bis in unser Wüstenhotel in San Juan zurück, wo uns gleich bei der Ankunft gesagt wird, dass die Dusche erst ab 18 Uhr funktionieren wird, weil die Kälte der letzten Nacht zu einem Rohrbruch geführt habe. Weil wir aus eigener Erfahrung wissen, wie kalt es da gewesen ist, können wir darob nicht einmal böse sein. Im Gegenteil, es wird uns als Kompensation sogar gratis Wäschewaschen offeriert, was in Anbetracht unsere staubigen Kleider ein genialer Service ist.

Tagesleistung: 37 km, 400 Hm; Jeep 2 h

Flamingos in der Laguna Hedionda

8. Tag: Salar de Uyuni, grösster Salzsee der Welt 

Soweit ich mich zurückerinnern kann und ohne ein billiges Schlagwort hervorzukramen, erlebe ich heute eines der eindrücklichsten Naturwunder, den «Salar de Uyuni». Auch Urs und Alex äussern sich ähnlich, aber der Reihe nach…

Präsidentenwahl-Strafen fürs nicht Wählen

Es ist früher Tagwache als an jedem anderen Tag bisher. Grund ist die anstehende Präsidentenwahl von morgen Sonntag, wo für ganze 24 Stunden jeglicher private Autoverkehr verboten ist, damit die Leute wählen gehen können. Es soll auch saftige Bussen fürs Nichtwählen gehen. Gemäss Hector sollen die Bussen auch rigoros eingezogen werden. Wer nicht zahle, erhalte keinen neuen Personalausweis mehr und kann so nicht einmal mehr ein Bankkonto eröffnen. Weil wir von unserem heutigen Übernachtungsort aber dann das Flugzeug nehmen werden, müssen unsere Fahrer mit ihren Fahrzeugen und unseren Velos noch heute nach La Paz fahren. Was für den gut 10-stündigen Transfer von Uyuni nach La Paz eine Herausforderung sein wird. Entsprechend beginnen wir heute sehr früh, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Temperaturen: Wenn Urs sich wie ein Eskimo kleidet, muss es wirklich kalt sein.

«Salar de Uyuni», grösster Salzsee der Erde

Zuerst geht es mit den Autos über uns mittlerweile vertraute und lieb-gewordene Pisten an den «Salar de Uyuni», den grössten Salzsee der Erde. Diese gigantische Salzpfanne erstreckt sich über eine Fläche von 10’582 km² und ist der Überrest eines prähistorischen Sees, der vor tausenden von Jahren austrocknete. Der erste Eindruck, den uns der «Salar» bietet, sind in der Sonne glänzende «Eisbrocken», die in hellblauem Wasser glänzen, wie man es von Kreuzfahrt-Werbefotos aus der Antarktis kennt. Unsäglich schön und einfach zum Augenreiben.

Weiterfahrt nach Varna

Am Ufer des «Salar» wird dann bei weiterhin arktischen Temperaturen angehalten, und wir steigen aus, um Fotos zu machen. Wieder im Fahrzeug, fahren wir dann tatsächlich auf das «endlose Meer» zu und hinein, ohne Kompass oder irgendwelchen Wegweiser. Ein unglaubliches Erlebnis! Der Fahrer orientiert sich einzig nach einer weit entfernten Insel, welche als schwarzer Punkt zu sehen ist. Das zweite Fahrzeug macht es genauso. Sie fahren nicht hintereinander, sondern jeder nach seinem Geschmack, einfach dem Ziel «Insel» entgegen. Nach wohl etwa 15 km verschwindet das Wasser – welches bisher wegen dem nassen letzten Sommer immer etwa 40 cm tief war komplett, und wir fahren auf dem trockenen Salz.

In the middle of nowhere

Irgendwann und «in the middle of nowhere” wird dann angehalten, die Fahrräder abgeladen, und wir fahren zusammen los. Vor uns eine unendliche Salzebene (der «Salar» ist etwa 1/3 so gross wie die Schweiz), die aussieht wie eine frisch verschneite Eisfläche mit vielen kleinen Kristallbrocken, die in der Sonne glänzen. Anfänglich braucht es für uns «Winter erfahrene» Biker fast etwas Mut, keine Angst vor dem Ausrutschen zu haben. Aber bald gewöhnen wir uns daran und wir «donnern» über die unendliche Fläche. Einziges Problem ist weiterhin die Kälte, die wir alle unterschätzt haben. Meine Finger frieren fast ab und Hector sagt, es sei zwei Grad minus und seine App sage sogar, dass die gefühlte Temperatur wegen dem Wind nochmals 10 Grad tiefer sei. Alles in Allem ein unglaubliches Erlebnis, einzig für unsere angegriffenen Bronchien und Nasenschleimhäute eine grosse Herausforderung.

Kakteeninsel «Incahuasi»

Schliesslich erreichen wir mitten im Salzsee die Kakteeninsel «Incahuasi», die wir zu Fuss erkunden, und auf der wir praktisch ganz alleine unterwegs sind und uns an den ganz speziellen Kakteen kaum sattsehen können. Die riesigen Kakteen hier sollen über tausend Jahre alt werden, was anhand von Jahrringen nachgewiesen werden kann. Sie wachsen lediglich einen Zentimeter pro Jahr. Das Innere der Kakteen ist holzig und besteht nicht, wie ich bisher geglaubt habe, vor allem aus Wasser, was bei dieser Kälte ja wohl gar nicht möglich wäre.

Sommerliche Wärme am Meer

Bald ist dann Zeit für einen kurzen Mittagshalt, den wir etwa 70 km vom Ufer entfernt, windgeschützt zwischen unseren zwei Autos einnehmen. An der Sonne und mit vier Schichten Kleidern ist es so ganz passabel und irgendwie auch schon wegen der verrückten Idee, an so einem Ort Mittagsrast einzulegen. Das Fahrradfahren auf dem flachen Salzsee ist im Übrigen einiges strenger als man vermuten könnte. Es «hottert» dauernd, bis die Handgelenke schmerzen. Deshalb und auch wegen unserer Erkältungen sind wir schliesslich froh, als der Befehl zum Verladen kommt. Noch etwas unterschätze ich: Die intensive Sonneneinstrahlung auf der unendlichen weissen Fläche! Als Resultat bleibt am Abend ein ziemlich rot gefärbtes Gesicht. Angesichts der Kälte ist der Sonnenschutz schlicht vergessen gegangen.

Starke Salzkrusten

Auf der gegenüber liegender Seite des «Salars» wird dann nochmals angehalten: Dort gibt es unter einer etwa 20 cm dicken Salzkruste, die auch unser Auto problemlos trägt, Wasser. Hector schlägt dort ein Salzstück raus, und wir können sehen, wie es darunter aussieht: Der Brocken sieht aus wie ein riesiger Bergkristall! Das Salz schmeckt im Übrigen auf der Zunge auch noch deutlich besser, als wir uns in Europa von unserem Salinen-Salz gewohnt sind.

Vom stilvollen «Salzhotel» in Colchani – noch immer auf 3’650 m.ü.M. – fahren wir am Abend nochmals einige Kilometer auf den See hinaus zu einem «Sonnenuntergangs-Apéro» und für Fotos in den verschiedensten Farbtönen.

Tagesleistung: 40 km, 25 Hm

Salzsee Uyuni

9. Tag: Ruhetag im «Palacio de Sal» in Colchani

Heute sind wir für einmal zum Nichtstun verurteilt, worüber wir keinesfalls unglücklich sind, auch weil dieser Ruhetag an einem ganz besonderen, ja aussergewöhnlichen Ort stattfinden kann. Ich jedenfalls habe noch nie in einem hauptsächlich aus Salz gebauten Hotel gewohnt, das zudem ein ganz feudaler «Palast» ist, mit Wellnessbereich und geschmackvoller Innenausstattung sowie erst noch guter Küche.

Wände aus Salzblöcken

Dort, wo die Wände nicht verputzt sind, sieht man Salzblöcke, wie es im konventionellen Bau Ziegelsteine wären. Wir alle schlafen in unseren Zimmern unter einer «Salzkuppel». Die Salzblöcke, die aus dem Salzsee ausgesägt wurden, tragen zu einer speziellen Atmosphäre bei. Genau das machen auch die schneeweissen Salzkristalle, die in den grosszügigen Gängen links und rechts von dunklen Holzwegen ausgelegt sind.

Ruhetag

Den Grund für den Ruhetag am heutigen Sonntag habe ich gestern schon erwähnt: Am Wahltag kann nur mit Spezialbewilligungen gereist werden, was auch für uns Velotouristen – wegen den Begleitfahrzeugen – gilt. So bewegen wir uns die meiste Zeit im Wellness-Bereich des Hotels und erkunden die Umgebung zu Fuss. Dabei fällt mir gerade auf, dass wir uns nach wie vor auf 3’750 m.ü.M. befinden, was einem schon bei an und für sich geringen Anstrengungen wie Treppensteigen, schnell einmal tüchtig zum Atmen bringt.

Heizstrahler willkommen

Unsere «Chef de Service» im Hotel, begrüsst uns zum Abendessen im Restaurant und  sorgt dafür, dass wir zwei Heizstrahler an unseren Tisch erhalten und so genüsslich essen können. Sie selbst läuft mit dicken Kleidern und Fausthandschuhen herum. Wir staunen und sie ist von unserer Aufmerksamkeit sichtlich angetan.

Mit dem Auto durch die Salar de Uyuni

10. Tag: Colchani – Coroico 

Es steht ein grösserer Klimawechsel bevor, auch weil die weltbekannte «Strasse des Todes» auf unserem Programm steht. Woher dieser Name genau kommt, ist mir nicht ganz klar. Gemäss Hector geht der Name auf die 1930er-Jahre zurück, als die Strasse mit vielen Gefangenen gebaut wurde und aufmüpfige oder missliebige Gefangene einfach über die bis zu 900m senkrecht abfallenden Abhänge hinuntergestossen wurden. Andere behaupten, der Name sei in den unzähligen Todesfällen begründet, die auf dieser grundsätzlich einspurigen Strasse geschehen sind, wo aber trotzdem auch immer LKW’s und Busse im Gegenverkehr unterwegs waren und sich kreuzen mussten und regelmässig Fahrzeuge in die Tiefen des Amazonas gestürzt sind. Bis 2005 war dies die einzige Strasse, welche das Amazonas Tiefland mit La Paz verband.

Carretera de la Muerte

Am Morgen geht es zuerst vom Flughafen in Uyuni per Inlandflug nach La Paz, wo unsere Begleitfahrzeuge und deren Chauffeure bei der Ankunft bereits auf uns warten. Wichtigstes Tagesziel ist die Todesstrasse! Mit den Begleitfahrzeugen geht es zum Ausgangspunkt des heutigen Abenteuers auf ziemlich genau 5’000 m.ü.M., dem Pass «Carretera de la Muerte». Auf dieser Höhe erscheint uns die Kälte noch ausgeprägter als dies an all den andern Orten war, wo wir gefroren hatten. Zuversichtlich stimmt uns aber die Aussicht, dass der Tag viel tiefer im tropischen Amazonasgebiet auf rund 1’000 m.ü.M.enden wird.

Kumulus-Wolken am Himmel

Entsprechend sind wir zu Beginn noch dick eingemummt und hoffen darauf, uns mit abnehmenden Höhenmetern unserer vielen Kleiderschichten entledigen zu können. Allerdings bemerken wir je näher wir dem Ausgangspunkt unserer Etappe kommen, riesige Kumulus-Wolken am Himmel. Etwas das wir, während all der Tage, die wir in Bolivien sind, kein einziges Mal gesehen haben, schliesslich herrscht ja Trockenzeit. Bisher war es überall trocken und staubig.

Nebel und Wolken

Auf der Passhöhe, als wir die Bikes abladen, zieht dicker Nebel auf und wir wissen nicht so genau, was uns die Sicht raubt, der Nebel oder die Wolken rund um uns herum. Trotzdem lassen wir uns auf das Abenteuer ein und fahren los. Es warten 65 km Downhill von 5’000 auf noch 1’000 m.ü.M. auf uns. Bis zum Einbiegen in die Todesstrasse gibt es allerdings noch manche «Single Trail Passage», die wir aber mit viel Zuversicht meistern. Dann aber beim Anblick der tiefen Schluchten und engen Kurven auf der alten Strasse sind wir dankbar, dass der motorisierte Verkehr seit 2005 über eine neue Strasse geführt wird.

Schneller als ein Lastwagen

Allerdings verschlechtert sich das Wetter weiter und es beginnt zu regnen. Nach etwa 1/3 der Distanz mündet die alte Strasse in die neue ein, und wir müssen dieser folgen, was angesichts des immer stärker werdenden Regens und den vielen Lastwagen, die viel langsamer als wir unterwegs sind, sehr unangenehm wird. Ohne klare Sicht im Nebel und mit vom Regen beschlagenen Brillengläsern wird uns das ganze Unterfangen zu risikoreich, weil nicht damit gerechnet werden kann, dass die entgegenkommenden Fahrzeuge alle ihr Licht eingeschaltet haben. So entscheiden wir uns, unsere Fahrräder zu verladen und den zweiten Drittel der Strecke im Trockenen zurückzulegen.

Tropischer Regenwald

Als es trockener wird und wir wieder auf unsere Bikes umsteigen, sind die kargen, braunen Berghöhen in einen tropischen Regenwald übergegangen. Wir wundern uns über die fehlenden Leitplanken und staunen über die tiefen Abhänge, die vielen Kreuze am Wegrand, wo grössere Unglücke passiert sind, aber auch die Koka-Äcker mitten im Urwald oder, sicher viel positiver, die bunten Vögel und Schmetterlinge.

Angenehme Temperaturen

Unser Tagesziel ist Coroico auf 1’750 m.ü.M, doch vorher erreichen wir die Talsohle weiter unten auf 1’000 m.ü.M. bei einem kleinen Dorf, das früher als Ausgangspunkt für die Passstrasse wichtig war und blühte, heute aber nach dem Bau der neuen  Strasse ein ziemlich ausgestorbenes Nest geworden ist. Wir schalten dort noch einen Zwischenhalt ein und geniessen einige Getränke draussen im Freien bei richtig angenehmen Temperaturen, genauso wie den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung und die üppig grüne Vegetation im tropischen Tiefland.

Tagesleistung: 65 km, 100 Hm; Jeep 2 h

11. Tag: Corioco – La Paz 

Wie anders ist doch das Aufwachen heute Morgen. Ich habe so gut geschlafen wie nie in den Nächten davor. Die fast 3’000 weniger Höhenmeter und auch die höhere Luftfeuchtigkeit dürften das ihre dazu beigetragen haben. Auch das Aufwachen in einem warmen Zimmer macht das Aufstehen einfacher. Während man sich an den meisten anderen Übernachtungsorten zuerst einige Minuten Mut machen musste, um sich aus dem Bett zu wagen, ist das hier alles kein Problem.

Hinauf ins Hochland

Heute geht es aber gleich wieder hinauf ins Hochland, zuerst mit den Autos. Entsprechend ziehen wir uns bereits beim Start wieder winterlich an, denn derart angenehm wird es heute nicht den ganzen Tag bleiben.

Auf der Fahrt den Berg hinauf benutzen wir selbstverständlich die neue Autostrasse und vieles, was wir gestern wegen Regen und Nebel verpasst haben, glänzt heute im morgendlichen Sonnenlicht. Eine wirklich unwahrscheinlich schöne Gegend, die uns auch beim Hochfahren immer wieder zum Fotografieren animiert.

Dunkelblaue Stauseen

Oben auf dem El Cumbre Pass wechseln wir auf die Fahrräder. Unsere Etappe bringt uns vorerst auf zwar verkehrsfreien, aber holprigen Nebenstrassen in Richtung La Paz nochmals bis auf 4’750 m.ü.M. zünftig den Berg hoch und führt alsdann vorbei an vielen kleinen Goldminen und Gruben, wo Schiefer abgebaut wird. Ebenfalls gibt es dunkelblaue Stauseen, wo das Trinkwasser für die Millionenstadt La Paz gesammelt und aufbereitet wird. Die Pegelstände sind allerdings tief, was unsere Diskussion automatisch auch auf den Klimawandel bringt. Hector, der hier wohnt, scheint wegen ausbleibender Niederschläge ziemlich besorgt zu sein.

Hochgenuss: lange Abfahrt

Die Abfahrt ist dann der erwartete Hochgenuss, auch wenn die letzten mindestens zehn Kilometer auf Kopfsteinpflaster bewältigt werden müssen, was ziemlich in den Rücken schlägt.

Von weit oben haben wir einen wunderschönen Blick auf La Paz, eine Stadt, die an den Berghängen zu kleben scheint. Sie scheint aus allen Nähten zu platzen und nur schon wegen des Verkehrsgewimmels verladen wir unsere Fahrräder ausserhalb der Stadt. Die Strassen in die Stadt sind total überlastet und es geht nur sehr zähflüssig vorwärts.

Friedliche Stimmung in La Paz

Um ins Stadtzentrum zu gelangen, müssen einige hundert Höhenmeter überwunden werden, auf der einen Seite hoch und auf der anderen wieder runter. Noch auf dem Weg zum Hotel halten wir am Hauptplatz und schauen uns das Regierungsgebäude und den Präsidentenpalast an. Die Stimmung ist trotz des Menschengewimmels friedlich und den vielen tausend Tauben scheint es in der Wirtschaftsmetropole Boliviens zu gefallen. Auch in der Umgebung unseres Hotels lässt sich vor dem Abendessen noch einiges entdecken.

Citylife

Von Freunden haben wir gehört, dass in La Paz ein (Ost-) Schweizer ein gutes Restaurant führt, das wir eigentlich besuchen wollten, doch geben wir diesen Plan bald wieder auf, im vorherrschenden Verkehrsgewühl würden wir für die Hin- und Rückfahrt wohl mehrere Stunden benötigen. Schade.

Tagesleistung: 30 km, 600 Hm; Jeep 3,5 h

Mit dem Bike über die eindrückliche Hügelkette

12. Tag: La Paz – Sorata 

Ein wettermässig super Tag erwartet uns und sogar die Temperatur ist besser als auch schon, weshalb wir uns speziell darauf freuen. Bis es mit unseren Fahrrädern aber losgeht, braucht es noch Geduld.

Wir werden mit dem Auto im Hotel im Stadtzentrum abgeholt und merken nach einer halben Stunde, dass wir wegen des Verkehrschaos kaum weitergekommen sind. Die Fahrbahnen vor dem Hotel sind richtungsgetrennt, weshalb wir mit unserem Auto um den Häuserblock kurven, um in die entgegengesetzte Fahrtrichtung zu gelangen. Das alles dauert eine geschlagene halbe Stunde, bis wir auf der gegenüberliegenden Strassenseite wieder vor dem Hotel vorbeifahren.

Bis wir dann aus der Stadt raus sind, geht es mindestens noch zwei weitere Stunden, doch dann wird der Verkehr weniger und wir steuern auf die wilde Bergwelt der «Cordillera Real» zu. Die schneebedeckten und im Sonnenschein leuchtenden Berge beeindrucken schon von weitem.

Spannende Fahrt übers Altiplano

Die Fahrt über das karge Altiplano ist spannend und schon bald erkennen wir in der Ferne den tiefblauen Titicacasee, was unser Herz bereits höherschlagen lässt, auch wenn dieser noch gar nicht auf unserem Tagesprogramm steht. Der kommt dann erst morgen.

Auf dem La Cumbre Pass auf 4’200 m.ü.M. besteigen wir die Mountainbikes. Wir biken durch ein zerklüftetes abgeschiedenes Tal und bestaunen die einheimische Landbevölkerung bei der Bebauung ihrer steilen Ackerflächen und Landwirtschaftsterrassen praktisch ohne jegliche Maschinen. Mit einigen der Bäuerinnen und Bauern kommen wir sogar ins Gespräch, und merken, wie hart und einsam das Leben hier ist. Auf der ganzen Strecke begegnet uns kaum ein Auto.

Goldgräber Glück

Die Naturstrassen hier sind reine Schotterpisten, über die wir grösstenteils hinunterdonnern. Oft gibt es Schläge aufs Gesäss, aber immerhin keine Stürze. Neben den Bauern gibt es in dieser Gegend auch viele Goldgräber, die ihr Glück in ganz kleinen Stollen versuchen.

Es ist ein in jeder Beziehung toller Tag, auch weil es erstmals so warm wird, dass wir das Fahrradfahren sogar kurzärmlig geniessen können. Auch unser Tagesziel, das ehemalige Goldgräberstädtchen Sorata auf noch 2’700 m.ü.M., hat es uns angetan.

Es ist eine Freude, mit Einheimischen in friedlicher Atmosphäre im Park zu sitzen und zuzusehen, wie sie miteinander plaudern und mit den Kindern spielen. Ein buntes und fröhliches Treiben, wie es eben in Südamerika üblich ist.

Tagesleistung: 43 km, 600 Hm , Jeep 4 h

Eindrucksvolle Aussicht in Sorata

13. Tag: Sorata – Chuchu-Pass – Sorata 

So verkrampft wie heute sass ich wohl noch selten in einem Auto. Grund ist, dass nochmals ein grösseres «Bike-Feuerwerk» gezündet werden soll. Zum Abschluss der anforderungsreichen Etappen, sollen nochmals speziell unsere Abfahrtsqualitäten in grossen Höhen getestet werden. Dafür werden wir mit unseren Jeeps auf 4’700 m hochgebracht.

Herzklopfen bei Autofahrt

Für uns bedeutet dies zwei Stunden furchterregendes Autofahren entlang tiefer Schluchten. Je nachdem ob es auf meiner Seite den Berg hochgeht oder ob ich auf der Talseite sitze und nichts mehr von der Strasse sehe, steigt mein Puls. Bald merke ich, dass meine Hand schmerzt, weil ich mich krampfhaft an einem Handgriff festklammere.

Als dann Urs mir gegenüber bemerkt, er sei jederzeit bereit aus dem Auto zu springen, wird mir klar, dass weder seine Vorbereitung und mein Festklammern im Ernstfall etwas bringen würde. Immerhin, ab dieser Einsicht versuche ich wenigstens, die Fahrt zu geniessen, was mir auch gelingt. Wir sind uns aber alle einig, dass dies die gefährlichste Strecke ist, die wir seit sehr langer Zeit befahren haben, auch weil es keine einzige Leitplanke gibt. Entweder man bleibt auf der oft schmalen Strasse, oder man landet einige hundert Meter tiefer unten im Tal.

Beeindruckender Tag mit viel Sonnenschein

Es ist ein beeindruckender Tag mit viel Sonnenschein und besten Ausblicken in die majestätischen Berge. Jemand bringt den Vergleich zum Heliskiing und sorgt damit für ein schlechtes Gewissen, weil wir uns auf diese Art in die Höhe chauffieren lassen. Aber wir merken, es ist jetzt zu spät, an unseren Arrangements noch etwas zu ändern.

Abfahrt nach Sorata

So versuchen wir unsere Fahrt entlang der Ausläufer der beiden 6000er Illampu und Ancohuma, bis auf den Chuchu-Pass hinauf zu geniessen. Dort windet es jedoch so stark, dass wir uns trotz der genialen Aussicht in die Berge und ins Tal hinunter sowie trotz der Licht- und Wolkenspiele, gleich wieder an die Abfahrt nach Sorata hinunter machen. Die Naturpiste ist äusserst anspruchsvoll und derart holprig, dass wir die fast dreistündige Abfahrt grösstenteils im Stehen bewältigen. Immer wieder staunen wir auch, wie in diesen entlegenen Gebieten und in dieser Höhe mit relativ primitiven Mitteln Mineralien abgebaut werden. Das meiste soll Gold sein und hinter den Minengesellschaften sollen chinesische Firmen stecken. Viel davon merkt man nicht.

In Sorata, diesem schönen, alten Städtchen machen wir einen Zwischenhalt und geniessen ein Eis, bevor wir uns «nach Hause» in unseren Eco Lodge machen.

Deutscher Logdgebesitzer in Bolivien

Johnny, der Inhaber und Erbauer dieses Lodges, spricht übrigens bestens Deutsch. Wir wundern uns, bis wir erfahren, dass sein Vater in den 1930er-Jahren als Jude dem Konzentrationslager Buchenwald entkommen und nach Bolivien geflüchtet ist. Er selbst ist 1953 in Bolivien geboren worden, ist dort in die Schule gegangen und dann im Teenageralter mit den Eltern nach München zurückgekehrt. Doch hat ihm dort die Freiheit Boliviens gefehlt, weshalb er mit 27 wieder zurück nach Bolivien gegangen ist, seine Lodge aufgebaut und geheiratet hat. Ein spannender Mann.

Wir betrachten das friedliche Leben und die vielen Schulkinder in ihren schönen Schuluniformen. Obwohl aufgrund der Distanz und den mindestens 2’000 Hm Downhill nicht von einem speziell strengen Tag ausgegangen werden muss, war das alles aufgrund der Umstände doch eine ermüdende Angelegenheit, wozu sicher auch die Höhenlage nochmals einiges beigetragen hat.

Tagesleistung: 45 km, 200 Hm 

Auf dem Chuchu Pass

14. Tag: Sorata – Isla del Sol im Titicacasee 

Der letzte grössere Höhepunkt wartet auf uns: Der sagenumwobene Titicacasee. Wie fast immer in Bolivien bedeutet dies, dass grössere Distanzen zurückgelegt werden müssen.

Titicacasee

Wir fahren mit den Begleitfahrzeugen durch urtümliche Dörfer bis wir an die Seeenge des Titicacasees gelangen. Diese führt zu einer Halbinsel, welche nur auf der peruanischen Seite mit dem Festland verbunden ist, obwohl der Grossteil der Halbinsel zu Bolivien gehört. Weil es keine Brücke gibt, gibt es dort viele altertümliche, aber traditionelle, und einfache Holzfähren, die sowohl schwere Lastwagen oder auch einen Bus transportieren können, oder eben zwei Jeeps wie wir sie haben.

Copacabana Halbinsel

Ab hier schwingen wir uns auf die Bikesättel und geniessen die coupierte Strecke über den Rücken der Copacabana-Halbinsel mit wunderschönen Ausblicken auf den See und die majestätischen schneebedeckten Gipfel der Cordillera Real. Allerdings ist es mit dem «Geniessen» so eine Sache. Vom Seespiegel auf 3’800m steigt die Strasse auf über 4’300 m an und dies bei Gegenwind, der uns fast vom Rad bläst. Hinzu kommt, dass an der zweiten Hälfte der Strecke intensiv gearbeitet wird, was natürlich den faszinierenden Ausblicken auf den tiefblauen See hinunter und seine Inseln keinen Abbruch tut, dafür aber unsere Kondition und dabei insbesondere unsere Lungen aufs Äusserste fordert.

Isla del Sol

Nach einer wirklich fordernden Etappe – vielleicht der strengsten, weil es extreme Steigungen zu bewältigen gibt – erreichen wir die Anlegestelle für ein kleines Boot, das uns zur Isla del Sol bringen soll. Der «Kapitän» ist ein Einheimischer, wie auch praktisch alle übrigen Menschen, die auf der Insel arbeiten. Er bringt uns sicher auf die Insel, wo wir zu Fuss zu einem kleinen, dafür äusserst romantischen Hotel hochsteigen müssen. Unser Gepäck wird mit Eseln hochgetragen. Die etwa 200m Aufstieg führen durch terrassierte Felder.

Traumhafte Aussicht

Der Anstieg bietet uns eine traumhafte Aussicht auf den tiefblauen See. Er ist aber, und das soll nicht vergessen werden, insbesondere für mich als eher zögerlichem Wanderer eine Herausforderung. Urs stürmt vorneweg, was mich ziemlich an den Anschlag bringt.

Tagesleistung: 40 km, 800 Hm, Jeep 4 h, Boot 1 h

Blick auf die Sonneninsel am Titicacasee

15. Tag: Die stille Sonneninsel

Die Zeit des Radfahrens haben wir zwar gestern abgeschlossen, was aber nicht Nichtstun bedeutet. Im Gegenteil, wir schnüren unsere Trekkingschuhe und begeben uns schon früh auf die Entdeckung der Isla del Sol und dann auch noch jener der Isla de la Luna. Wir lassen uns von den ersten Sonnenstrahlen hinter dem Illampu bezaubern und geniessen die frische klare Luft.

Wanderung auf der Isla del Sol

Wir starten unsere Wanderung auf der Isla del Sol vom Hotel aus auf einem Höhenweg durch Dörfer und über jahrtausendealte Terrassen, die von den Einheimischen auch heute noch bebaut werden. Wir sehen und sprechen auch immer wieder mit Einheimischen, die meisten in ihren Trachten und am Arbeiten.

Ziel der Wanderung ist auf beiden Inseln je ein Tempel aus der Tiwanaku-Zeit (5-6’000 B.C.), also lange vor den Inkas. Zuerst besuchen wir den Sonnentempel auf der Isla del Sol, der noch ganz gut erhalten ist. Er soll bei der Ankunft der Spanier ganz in Gold geschmückt gewesen sein. Wirklich unvorstellbar für uns, wie man ein solches Wunderwerk aus Geldgier einfach zerstören kann. Der Sonnentempel war den Männern gewidmet.

Isla de la Luna

Auf der Isla de la Luna lebten hauptsächlich Frauen und der Mondtempel war ebenfalls diesen gewidmet, allerdings wurden dort auch Menschen geopfert, vor allem junge Mädchen. Dieser Tempel soll zu Zeiten der Spanier mit Silber eingefasst gewesen sein.

Ehrfürchtig hören wir hier einige Details über den Ursprung der Tiwanaku-und Inka-Kultur sowie deren heiligen Titicacasee, der schon früher als Sitz der Götter galt, so soll der Sonnengott auf dieser Insel geboren worden sein. Nach der Rückkehr auf unsere Insel geniessen wir am Strand des Titicacasees ein typisches Mittagessen, mit Fischen aus dem See und Gemüse (verschiedene Arten von Kartoffeln und Mais), das auf der Insel angebaut wird.

Seele baumeln lassen

Es ist angenehm warm, und wir lassen unsere Seelen baumeln, vielleicht auch etwas aus Angst vor dem abschliessenden Aufstieg zum Hotel, der noch auf uns wartet und mit vollem Magen eine Herausforderung werden könnte. Überhaupt ist das Wandern auf dieser Höhenlage und den mit hohen Stufen gespickten Wegen nicht ganz einfach und liegt nicht wesentlich hinter dem zurück, was wir mit den Fahrrädern gemacht haben. Ich jedenfalls bin am Abend ähnlich müde.

Trekking: 3 h

Der Titicacasee

16. Tag: Über Copacabana nach La Paz 

Langsam gehen unsere Ferien dem Ende entgegen. Angefangen hat dies schon vorgestern, als wir auf der «Sonneninsel» im Titicacasee angekommen sind, und das eine Fahrzeug mit unseren Bikes zurück nach La Paz gefahren ist. Jetzt aber wird es noch konkreter. Schon am frühen Morgen müssen wir unser Gepäck für den Maultiertransport bereitmachen.

Letztes Mal Ausblicke geniessen

Wir selbst machen uns gleichzeitig zu Fuss auf in Richtung Bootssteg, eine Wanderung von gut 1 ½ Stunden. Ein letztes Mal geniessen wir die Ausblicke auf den dunkelblauen See, die Inseln und die schneebedeckten Berge rund herum. Es ist eine angenehme Wanderung, wenn sie vielleicht auch nicht für jedermann wirklich angenehm gewesen wäre, schon wegen den oft hohen und unregelmässigen Stufen.

Wellengang wie am Meer

Fast gleichzeitig mit den Maultieren und unserem Gepäck erreichen wir den Bootsanlegeplatz. Der Himmel ist mittlerweile bewölkt und es windet mehr als mir recht ist, insbesondere wegen den Auswirkungen auf den Wellengang. Der Titicacasee ist so aufgewühlt wie andernorts das Meer. Keine begeisternden Aussichten, denn schliesslich bin ich kein allzu wetterfester Seefahrer. Aber was bleibt mir anderes übrig? Mein Koffer ist bereits verladen und andere Routen als übers Wasser gibt es nicht. Überraschenderweise verkrafte ich die lange Überfahrt zum quirlige Hafenstädtchen Copacabana ohne grössere Probleme.

Copacabana

Der Name «Copacabana» weckte bei mir schon beim ersten Blick ins Reiseprogramm Erinnerungen an den weltberühmten Strand in Rio. Als man mir dann noch sagt, dass wir die richtige Copacabana besuchen und nicht etwa nur eine billige Kopie, höre ich zweimal hin. Tatsächlich ist es so: Die Virgen de Copacabana ist ursprünglich die Schutzpatronin von Bolivien, genauer gesagt jene aus der Stadt Copacabana am Titicacasee. Die Verbindung zu Rio de Janeiro kam später. Im 17. Jh. brachten spanische Missionare und Seefahrer die Verehrung der Virgen auch nach Brasilien. Der heutige Stadtteil Copacabana in Rio wurde im 18. Jh. nach einer kleinen Kapelle benannt, die einem Bild der Virgen gewidmet. Dieses Bild aus Bolivien wurde 1746 nach Brasilien gebracht.

Peruanische Pilger

Die Ortschaft mit normalerweise etwa 12’000 Einwohnern pulsiert bei unserem Besuch. Die Strassen sind fast so verstopft wie jene in La Paz. Auffällig sind viele peruanische Pilger, die mit ihren bunt geschmückten Autos hierherkommen. Nur etwa gleich viele Bolivianer sind zugegen, weil sie den Ehrentag der in Copacabana ausgestellten «Virgen Morena» (dunkle Jungfrau) zu einem anderen Zeitpunkt feiern. Die Virgen macht Copacabana aber auch so zum bedeutendsten Wallfahrtsort in Bolivien.

Selbstverständlich sehen wir uns auch die Ortschaft mit seiner im maurischen Stil erbauten Basilika an, wobei uns der «Jahrmarkt», der mit den Festivitäten einhergeht, nicht ganz verständlich ist.

Panoramareiche Strecke

Auf einer panoramareichen Strecke fahren wir anschliessend mit dem Jeep in Richtung La Paz. Bei der Seeenge, für deren Passage wir schon bei der Hinreise kleine Fähren verwenden mussten, erwartet uns aber eine ziemliche Überraschung. Es stehen hunderte Autos Schlange und es bewegt sich überhaupt nichts! Das Wasser ist zu unruhig und der Wind zu stark. Bereits beginnt Urs zu jammern und an einem «Plan B» herumzustudieren. Für ihn würde eine Welt zusammenbrechen, wenn er den Heimflug nicht erreichen würde. Aber alles ist nur halb so schlimm. Nach einer guten Stunde des Wartens werden Dutzende von Fähren bereitgestellt und der Fahrzeugstau nimmt schnell ab. Für mich ist das aber ein richtiges Spektakel. Die grossen Fahrzeuge, insbesondere Lastwagen und Busse, schaukeln beängstigend.

Am Fusse des Illimani

Weil Sonntag ist, hält sich der Verkehr in der Umgebung von La Paz in Grenzen. Trotzdem, die Stadt präsentiert sich auch an so einem Tag für Ausländer ziemlich chaotisch. La Paz ist am Fusse des Hausbergs Illimani in einem Trichtertal gelegen, das sich auf einer Höhe von 3500 bis 4100 Metern erstreckt und an dessen Hängen eng aneinander tausende Häuser kleben.

Seilbahnnetz La Paz

Wir fahren in der Oberstadt in La Paz ein. Seit einigen Jahren gibt es in dieser Millionenstadt ein Seilbahnnetz (von Doppelmair und Garaventa) mit 11 verschiedenen Linien. Das System funktioniert blendend. Zehnplätzige Kabinen schweben über das riesige Häusermeer, die Hänge hoch und runter oder ganz einfach flach über die Menschen und riesige Märkte. Einmal steigen wir um und staunen über all das, was so phänomenal fuktioniert. Das Netz von La Paz ist inzwischen das grösste städtische Seilbahnnetz der Welt. Für die Einheimischen ist dies ein praktisches und effizientes Transportmittel,  für uns Besucher eine spannende Attraktion.

Koffer kaufen- Einblick in das Alltagsleben

Mit der Roten Linie fahren wir zu einem riesigen Markt, weil mir Hector noch zu einem neuen Reisekoffer verhelfen möchte. Bei meinem Lieblingskoffer war vor einigen Tagen eines der Räder abgebrochen, weshalb man ihn nicht einmal mehr richtig hinstellen kann. Beim Fliegen muss ich auch jedes Mal unterschreiben, dass der Koffer bereits beim Einchecken kaputt war. Tatsächlich finden wir dann einen ganz schönen Ersatzkoffer zu einem absoluten Spottpreis. Ich bin begeistert, und dieser Ausflug hat uns erst noch einen spannenden Einblick in das Alltagsleben der Bolivianer beschert.

Transfer: Boot 1 h, Jeep ca. 3h

Seilbahn in La Paz

17./18. Tag: Rückflug 

Viel früher am Morgen als diesmal, bin ich wohl noch selten zu einer Heimreise aus den Ferien aufgebrochen. Sicher aber ist, dass es eine sehr, sehr lange Reise werden wird: Um 3.30 Uhr werden wir von unserem Chauffeur, German, im Hotel in La Paz auf 3’600 m.ü.M. abgeholt und zum Flughafen auf 4’100 m.ü.M. gebracht.

Verabschiedung von unserem neuen Freund

Es regnet ausserhalb des Amazonasgebiets zum ersten Mal seit unserer Ankunft vor gut zwei Wochen heftig und es ist – wie soll es anders sein – kalt. Hector erwartet uns am Flughafen, um bei den letzten nicht ganz unkomplizierten Ausreiseformalitäten zu helfen. Es geht aber alles bestens und so verabschieden wir uns dann vor 5 Uhr von unserem zum Freund gewordenen Reiseleiter und seinem genauso liebenswürdigen Chauffeur.

Vorfreude auf zu Hause

Wir alle hatten schlecht geschlafen. Ich habe es gerade Mal auf drei Stunden Schlaf gebracht und Alex sagt sogar, er hätte kein Auge zugetan. Urs bläst in ein ähnliches Horn. Bei mir ist es nach wie vor so, dass ich mich noch immer nicht richtig auf die Höhenlage eingestellt habe, es könnte aber auch sein, dass wir uns ganz einfach auf die Heimkehr freuen. Irgendwie sind wir sicher etwas nervös.

Heimreise in drei Etappen

Die Heimreise besteht aus drei Etappen: Von La Paz nach Santa Cruz, dann weiter nach Sao Paulo und von dort nach Zürich. Zwei der Strecken fliegen wir mit Boliviana de Aviación oder BoA, wie die nationale Fluglinie heisst, was bedeutet, dass die Anschlüsse in Brasilien nicht garantiert sind. Urs ist deswegen schon seit Tagen nervös, auch weil die Airline nicht den besten Ruf betreffend Pünktlichkeit hat und auch schon Flüge ausfallen liess. Unsere Erfahrung ist allerdings eine andere: Alle unsere fünf Flüge mit BoA waren immer auf die Minute pünktlich. Urs kann sich also auf seinen nächsten Termin in der Schweiz freuen.

Rückblick auf einen einmaligen Erinnerungsschatz

Trotzdem, zusammen mit den Aufenthalten auf den Flughäfen und bei der Einreise in Brasilien, um das Gepäck aus Bolivien in Empfang zu nehmen und es wieder für unseren Flug nach Zürich einzuchecken, sind wir fast permanent beschäftigt. Das macht wirklich müde und so sind wir auch irgendwie froh, dass wir nach Hause dürfen und nicht mehr länger jeden Tag wieder auf unsere Bikes steigen müssen. Ab jetzt dürfen wir auf einen einmaligen Erinnerungsschatz zurückblicken, ohne uns täglich neu in der Kälte bewähren zu müssen.

Eine der besten Reisen

In vielerlei Hinsicht war es eine der besten Reisen, die wir in den letzten Jahrzehnten unternommen haben. Dazu hat insbesondere Hector beigetragen, der uns – zusammen mit seinen zwei Helfern – fast jeden Wunsch von den Lippen abgelesen hat und in jeder Hinsicht ein perfekter Gastgeber war. Das Programm war perfekt. Mehr oder weniger haben wir alle grossartigen Sehenswürdigkeiten gesehen, die Bolivien zu bieten hat, und zwar so, dass die zum Teil langen Auto- und Flugtransfers, um die einzelnen Attraktionen miteinander zu verbinden, fast schon als wohltuend erholsam empfunden wurden. Grundsätzlich war das Wetter perfekt, auch wenn zu sagen ist, dass wir mehr als uns lieb war unter der Kälte gelitten haben.

Reisebericht-Autor: Peter Widmer

Infos zum Reisebericht

Geschrieben von: Peter Widmer

Reisejahr: 2025

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Bildbeschreibung

Bolivien – Bike Adventure im Hochland der Anden